Warum Unternehmen die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Werke häufig falsch bewerten


Sind deutsche Produktionsstandorte wirklich zu teuer?

Wenn über die Zukunft deutscher Produktionsstandorte diskutiert wird, folgt die Argumentation häufig einem bekannten Muster. Steigende Lohnkosten, hohe Energiepreise, zunehmende regulatorische Anforderungen und der internationale Wettbewerbsdruck werden als Beleg dafür angeführt, dass industrielle Produktion in Deutschland langfristig an Wettbewerbsfähigkeit verliert. Die daraus abgeleitete Schlussfolgerung scheint naheliegend: Wer wettbewerbsfähig bleiben möchte, muss Kosten reduzieren, Produktionsumfänge verlagern oder neue Standorte in kostengünstigeren Regionen aufbauen.

Diese Sichtweise ist verständlich. Gleichzeitig greift sie häufig zu kurz. Denn die Wettbewerbsfähigkeit eines Produktionsstandortes entsteht nicht allein durch seine Kostenstruktur. Sie entsteht durch das Zusammenspiel zahlreicher Faktoren, die sich gegenseitig beeinflussen und deren Bedeutung sich im Laufe der Zeit verändert. Unternehmen, die ihre Standorte ausschließlich anhand einzelner Kostenkennzahlen bewerten, laufen Gefahr, wesentliche Zusammenhänge zu übersehen und Entscheidungen zu treffen, die kurzfristig plausibel erscheinen, langfristig jedoch erhebliche Nachteile verursachen können.

Warum Kostenvergleiche häufig in die Irre führen

 

In vielen Standortbewertungen stehen die direkten Personalkosten im Mittelpunkt. Das ist nachvollziehbar, denn Lohnkosten lassen sich einfach vergleichen. Ein Produktionsstandort in Deutschland erscheint auf den ersten Blick deutlich teurer als ein Werk in Osteuropa oder Asien. Daraus entsteht schnell die Annahme, dass niedrigere Lohnkosten automatisch zu einer höheren Wettbewerbsfähigkeit führen.

Die Praxis zeigt jedoch ein anderes Bild. Gerade in automatisierten und technologisch anspruchsvollen Industrien bestimmen Produktivität, Qualität, Lieferfähigkeit, Ausschussquoten, Engineering-Kompetenz und Anlagenverfügbarkeit die tatsächliche Wirtschaftlichkeit häufig stärker als Unterschiede bei den Stundenverrechnungssätzen. Viele Unternehmen vergleichen deshalb Kostenpositionen, obwohl sie eigentlich die Leistungsfähigkeit ganzer Wertschöpfungssysteme bewerten müssten. Stichwort: Lohnstückkosten

Ein Produktionsstandort ist kein Kostenblock. Er ist ein komplexes Zusammenspiel aus Menschen, Prozessen, Technologien, Organisation und Know-how. Wer lediglich die Kosten betrachtet, bewertet nur einen kleinen Ausschnitt der Realität.

Die versteckten Kosten von Produktions-Verlagerungen

 

Besonders deutlich wird dieser Zusammenhang bei der Diskussion über Produktionsverlagerungen. Auf dem Papier erscheinen solche Entscheidungen häufig eindeutig. Niedrigere Personalkosten, günstigere Flächen oder steuerliche Vorteile erzeugen attraktive Business Cases.

Was dabei jedoch oft unberücksichtigt bleibt, sind die indirekten Auswirkungen einer Verlagerung. Sobald Entwicklung, Produktion und Management räumlich voneinander getrennt werden, entstehen zusätzliche Abstimmungsaufwände. Entscheidungen dauern länger, Kommunikationswege werden komplexer und technische Probleme lassen sich häufig nicht mehr so schnell lösen wie zuvor. Hinzu kommen kulturelle Unterschiede, Sprachbarrieren, Reisen, Schulungsaufwände und ein deutlich höherer Koordinationsbedarf.

Darüber hinaus verändern sich logistische Strukturen. Transportwege werden länger, Reaktionszeiten steigen und die notwendige Kapitalbindung in Form von Beständen nimmt häufig zu. Was auf dem Papier als Kostenvorteil erscheint, kann im operativen Alltag erhebliche Zusatzkosten verursachen. Genau diese Hidden Costs werden in vielen Wirtschaftlichkeitsrechnungen unterschätzt.

Warum Wettbewerbsfähigkeit mehr ist als Kosten

 

Eine der wichtigsten Erkenntnisse erfolgreicher Industrieunternehmen besteht darin, dass Wettbewerbsfähigkeit nicht durch einzelne Kennzahlen beschrieben werden kann. Wettbewerbsfähigkeit entsteht aus dem Zusammenspiel von Produktivität, Qualität, Innovationsfähigkeit, Lieferfähigkeit, Automatisierung, Organisation und Kundenorientierung.

Ein Standort mit höheren Lohnkosten kann wirtschaftlicher sein als ein vermeintlich günstiger Standort, wenn er schneller liefern kann, weniger Ausschuss produziert, Innovationen schneller industrialisiert oder flexibler auf Marktanforderungen reagiert. Gerade in volatilen Märkten wird diese Fähigkeit zunehmend zum entscheidenden Erfolgsfaktor.

Die unterschätzten Stärken deutscher Standorte

 

In vielen Diskussionen geraten die Stärken deutscher Produktionsstandorte in den Hintergrund. Dabei verfügen zahlreiche Werke über Eigenschaften, die sich nur schwer in klassischen Kostenrechnungen abbilden lassen. Dazu gehören die hohe Engineering-Kompetenz, die enge Verzahnung von Entwicklung und Produktion, die Verfügbarkeit qualifizierter Fachkräfte sowie gewachsene industrielle Netzwerke.

Neue Produkte können schneller industrialisiert werden. Technische Änderungen lassen sich kurzfristiger umsetzen. Probleme werden häufig direkt zwischen Entwicklung, Produktion und Management gelöst. Diese Vorteile sind schwer messbar, haben aber erheblichen Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit.

Warum manche Werke erfolgreich sind und andere nicht

 

Besonders interessant wird die Betrachtung, wenn man Werke mit nahezu identischen Rahmenbedingungen miteinander vergleicht. Gleiche Tarifverträge, vergleichbare Energiekosten und ähnliche Marktbedingungen führen nicht automatisch zu vergleichbaren Ergebnissen.

Während einige Standorte wachsen und investieren, kämpfen andere mit Produktivitätsproblemen oder mangelnder Wettbewerbsfähigkeit. Die Ursachen liegen dabei häufig nicht außerhalb des Unternehmens, sondern innerhalb der Organisation. Führung, Verantwortlichkeiten, Entscheidungswege und die Fähigkeit zur kontinuierlichen Verbesserung haben einen erheblichen Einfluss auf die Leistungsfähigkeit eines Standortes.

Die Rolle von Produktivität

 

Viele Kostenfaktoren lassen sich heute nur noch begrenzt beeinflussen. Energiepreise, regulatorische Anforderungen oder geopolitische Entwicklungen entziehen sich weitgehend der direkten Steuerung. Produktivität dagegen bleibt beeinflussbar.

Genau deshalb verschiebt sich der Fokus erfolgreicher Unternehmen zunehmend auf die Frage, wie vorhandene Ressourcen besser genutzt werden können. Unternehmen, die ihre Produktivität steigern, schaffen Spielräume, um steigende Kosten zu kompensieren und ihre Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern.

Automatisierung als Wettbewerbshebel

 

Automatisierung gehört zu den wichtigsten Hebeln, um die Wettbewerbsfähigkeit industrieller Standorte langfristig zu sichern. Gerade in Hochlohnländern bietet sie die Möglichkeit, Produktivität zu steigern, Qualität zu verbessern und gleichzeitig die Abhängigkeit von begrenzten Personalressourcen zu reduzieren.

Die größten Effekte entstehen dort, wo Prozesse verstanden, Materialflüsse analysiert und organisatorische Zusammenhänge berücksichtigt wurden. Automatisierung ist damit kein Selbstzweck. Richtig eingesetzt wird sie zu einem zentralen Baustein moderner und leistungsfähiger Produktionssysteme.

Warum Standortrollen wichtiger werden

 

Nicht jeder Standort muss dieselbe Aufgabe erfüllen. Manche Werke übernehmen die Rolle eines Innovations- oder Lead Plants. Andere fokussieren sich auf Serienproduktion, Kundennähe oder spezifische Technologien. Erfolgreiche Unternehmen bewerten Standorte deshalb nicht isoliert, sondern im Kontext ihrer strategischen Rolle innerhalb des gesamten Produktionsnetzwerks.

Die Frage lautet nicht, welcher Standort grundsätzlich der günstigste ist. Die entscheidende Frage lautet, welche Rolle ein Standort im zukünftigen Wertschöpfungsnetzwerk übernehmen soll.

Warum sich die Osteuropa-Rechnung verändert

 

Über viele Jahre war die Diskussion einfach. Deutschland galt als teuer, Osteuropa als günstig. Heute verändert sich diese Rechnung zunehmend. Löhne steigen, Fachkräfte werden knapper und die Anforderungen an Technologie und Qualifikation wachsen in vielen Regionen gleichermaßen.

Dadurch verschiebt sich die Perspektive. Unternehmen fragen nicht mehr ausschließlich, wo sie am günstigsten produzieren können. Sie fragen zunehmend, wo sie langfristig die beste Gesamtleistung erzielen können.

Fazit

 

Die Zukunft deutscher Produktionsstandorte entscheidet sich nicht allein über Lohnkosten, Energiepreise oder regulatorische Anforderungen. Wettbewerbsfähigkeit entsteht aus dem Zusammenspiel von Produktivität, Engineering-Kompetenz, Organisation, Automatisierung, Innovationsfähigkeit und strategischer Ausrichtung.

Die erfolgreichsten Industrieunternehmen stellen deshalb eine andere Frage. Nicht: Ist dieser Standort zu teuer? Sondern: Welche Voraussetzungen müssen wir schaffen, damit dieser Standort auch in Zukunft einen relevanten Beitrag zur Wertschöpfung leisten kann?

Die Zukunft deutscher Produktionsstandorte entscheidet sich nicht daran, ob sie billiger werden. Sie entscheidet sich daran, ob sie produktiver, innovativer und anpassungsfähiger werden.

Ihr Ansprechpartner

Sie möchten mehr über die ersten Schritte und weitere Vorgehensweise erfahren?

Daniel Kretz freut sich auf ein unverbindliches Erstgespräch mit Ihnen. Machen Sie jetzt einen Termin aus.

Lassen Sie uns über Ihre Projekt sprechen